· 

Lasse ich meine Mama im Stich, wenn ich Hilfe hole?


Im Sommer vor ein paar Jahren, als sich der Zustand meine Mama immer mehr verschlechterte und ich damals Wesensveränderungen merkte, schaute ich ihr mehr oder weniger zu, wie sie in die Manie glitt. Ich war zu Beginn so verängstigt und verunsichert, dass der einzige Weg für mich der war, mich zurückzuziehen. Zurückziehen in meine Welt, eine Welt, wo die Krankheit meiner Mutter keinen Platz hatte. Doch mit der Zeit war es unmöglich, dem Problem aus dem Weg zu gehen. Also wagte ich einen ersten Schritt und nahm Kontakt zu ihrem Psychiater auf. Von diesem Schritt erhoffte ich mir damals mehr als ich schließlich bekam. Aber immerhin kam der Stein ins Rollen. Der Psychiater machte mich nämlich darauf aufmerksam, dass grundsätzlich auch eine Zwangseinweisung mithilfe der Polizei und einem Amtsarzt möglich sei, wenn sich die Situation noch mehr zuspitzt. Zwangseinweisung klang heftig, waren meine ersten Gedanken dazu. Ich informierte mich daraufhin reichlich im Netz. Dabei stieß ich auf Folgendes: 

 

„Eine Einweisung gegen den Willen des Patienten ist nur möglich (dann aber natürlich zwingend erforderlich), wenn eine akute und erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und keine andere Möglichkeit mehr besteht, den Erkrankten oder seine Umgebung durch weniger einschneidende Maßnahmen zu schützen.“

 

Irgendwie beruhigte es mich zu wissen, dass es eine Möglichkeit gab. Auch wenn diese Maßnahme echt heftig klang. Es gab einen Handlungsspielraum, wenn meine Mama immer mehr auszuckte und mir Sachen unterstellte, die gar nicht der Realität entsprachen.

 

Wieder sind viele Monate vergangen, bis sich etwas tat. Es war schlimm zu sehen, wie Woche für Woche verstrich, Monat für Monat, und man mit eigenen Augen zuschauen musste, wie sich die eigene Mama veränderte. Ohne jegliche Krankheitseinsicht. Alles sei in Ordnung. „Rede doch nicht immer von so negativen Dingen“, war ihre Aussage. 

Bis sie eines Tages begann, Menschen auf der Straße zu beschimpfen. Arschloch und noch viel mehr schrie sie anderen Menschen entgegen. „Diese Frau gehört nicht zu mir“, waren meine Gedanken. Es fehlte nicht mehr viel und sie wurde aggressiv, handgreiflich und sah andere nur mehr als böse an. 

 

Wenn wir uns mal länger nicht sahen, wurde ich von den Nachbar:innen darüber informiert, was in der Zwischenzeit alles passiert war. Es kam zu übergriffigem Verhalten und es wurde des Öfteren die Polizei gerufen. Die machte jedoch nichts, da in ihren Augen keine Eigen- sowie Fremdgefährdung vorlag. Ich dachte echt, die wollen mich hängen lassen. Sahen die nicht, wie schlecht es meiner Mama eigentlich wirklich geht? 

 

Wochen später erkannte meine Mama mich nicht mehr, sie dachte, ich sei jemand anderer. Jemand, der ihrer Tochter etwas Böses tun wollte. Und so wurde sie das erste Mal auch mir gegenüber böse. Der Zeitpunkt, selbst etwas zu tun, traf ein. Das erste Mal rief ich selbst die Polizei an. Ganz verunsichert wählte ich die Nummer und bat sie, so schnell wie möglich zu kommen. Mein Glück war, dass nicht weit weg von unserer Wohnung eine Polizeistation ist. 

Noch dazu waren die Beamt:innen in dem Moment sehr empathisch und wussten sofort, worum es ging. Ein älterer Polizist setzte sich für mich ein, er forderte mit Nachdruck einen Amtsarzt an. Der Einzige, der meine Mutter in die Psychiatrie bringen konnte. Und tatsächlich klappte es. Zwei Monate war meine Mutter in der Psychiatrie. Anfangs war die Angst stark, dass sie es mir übel nehmen würde, aber nach der medikamentösen Behandlung sah sie nach langer Zeit mal wieder ein, dass man ihr Gutes tun wollte. 

 

Zwei Monate später hatte ich meine Mutter ein Stück mehr zurück als davor. Es war die richtige Entscheidung.

 

Social Media

2021/2022 gefördert durch



Ein Projekt von