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Eine neue Heimat


Mein Vater ist psychisch krank. Die Diagnose kam recht spät. Ich kann nicht sagen, wie lange er es tatsächlich ist. Er war immer schon ein bisschen „komisch“. Aber wie komisch muss man sein, um psychisch krank zu sein?

 

Zu Hause bei meinen Eltern zu leben, war immer sehr mühsam. Meine Mutter war sehr, sehr streng. Sie erlaubte eigentlich nichts, was Spaß machte. Freunde zu haben war nahezu unmöglich. Meine Familie blieb gerne unter sich: Mama, Papa, Bruder und ich. 

 

Mein Bruder liebt genau diesen Zustand. Ein richtiger Stubenhocker. Er ging nie fort, hatte nie eine Partnerin, saß den ganzen Tag vor dem PC. 

 

Ja und mein Vater eben: mal so, mal so. Eigentlich kämpfte ich mein ganzes Leben lang um seine Aufmerksamkeit. Die psychische Erkrankung traf mich daher sehr. 

 

Mit 18 Jahren nutzte ich meine Chance. Jetzt konnte meine Kontrollfreak-Mama nichts mehr sagen. Ich zog aus. Zwar nur ein paar Häuser weiter zu Oma. Aber dort hatte ich mein eigenes Reich. Distanz. 

 

Manchmal fühlte ich mich ja wie adoptiert. Ich war immer anders als der Rest. Ich wollte Dinge verstehen. Ich war emotional. Ich wollte darüber reden. Daheim hieß es immer nur: Das ist halt so. Oder schlichtweg: NEIN – zu allem. 

 

Meine neue Welt im eigenen Heim war super – ich eskalierte. Ich ging fort bis 6 Uhr früh, saß mit nassen Haaren in der Matura-Klasse, schlief im Unterricht. Ich trank viel, schmuste noch mehr. 

Alles war herrlich, solange es mich bloß von meinem Elternhaus ablenkte.

 

Die Rache kam immer abends. Wenn ich schlief (ich schlief nicht viel), hatte ich Albträume. Immer dieselben. Sie gehörten zu meinem Leben dazu. Jahrelang. Tagsüber verdrängte ich meinen Kummer, dass ich gefühlt kein Zuhause hatte. Nachts holte es mich ein. 

 

Mit 18 mag man vielleicht als erwachsen gelten. Aber ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich selbst auch Hilfe brauche. 

Für mich ist damals eine Welt zerbrochen, als die Worte „psychisch krank“ im Raum standen. 

Auf einmal war alles und jede/r für mich „verrückt“. Und ich sowieso. Ich zweifelte an allem.

Aber am wenigsten wollte ich mich damit auseinandersetzen. 

 

Heute weiß ich: Distanz ist gut. Aber nicht, bevor man nicht genau aufgearbeitet hat, wovon man sich eigentlich distanzieren möchte. Ich musste über den Schmerz und auch die Wut sprechen, als ich meinen geliebten Papa verloren habe. Auf einmal war er nur noch eine leere Hülle. 

 

Ich heirate nächstes Jahr. Ich habe einen Menschen gefunden, bei dem ich ganz ich selbst sein kann. Er hat mit mir alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Bei uns ist es kein Thema, dass mein Papa eben anders ist. Er akzeptiert mich, wie ich bin, mitsamt meinem Hintergrund.

 

Es wird aber keinen klassischen Einzug mit dem Brautvater geben. Keinen Vater-Tochter-Tanz. 

Ich gehe alleine nach vorne. Auf meinen Mann zu. Er ist nun meine Familie. Ich habe eine neue Heimat gefunden. Und meine Eltern werden in der ersten Reihe sitzen und dabei sein. Und ich bin stolz und dankbar, dass ich über diesen Gedanken lächeln kann.  

 

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