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Sonntag


Und wieder ein Sonntag, an dem ich ursprünglich geplant hatte, einfach mal nichts zu tun. Ich wollte nur eine Runde spazieren gehen, mir dann eine Pizza bestellen und einen Film anschauen. Allein. In Wien.

 

Ich kann es nicht. Ich weiß, dass bei meiner Mutter der Haushalt gemacht gehört: staubsaugen, aufwischen, Wäsche waschen, Müll rausbringen. So fahre ich dann am Sonntagnachmittag doch ins Burgenland. Denn sie kann es nicht allein. Sie ist krank. Sie tut mir leid. Es tut mir weh, mit ihr am Tisch zu sitzen und mit ihr zu essen, weil es ihr einfach nicht gut geht und das sehe ich.

 

Es ist nicht so wie früher, dass wir gemeinsam mittagessen am Sonntag, egal ob selbstgemacht oder im Restaurant. Diese Sonntage gibt es nicht mehr. Durch ihre Krankheit isst sie sehr wenig und auch nur ausgewählte Speisen. Zumindest glaubt sie, dass sie nur spezielle Lebensmittel verträgt.

 

Das stimmt aber nicht, jedoch glaubt sie das nicht. Weil das genau ihre Krankheit ist. Sie leidet an einem hypochondrischen Wahn bzw. unter einer Spätform der paranoiden Schizophrenie. Sie glaubt, dass sie eine Hautkrankheit hat und somit nur gewisse Lebensmittel essen darf.

 

Es macht mich traurig. Traurig für mich, weil wir nicht mehr gemeinsam essen gehen können oder zu Hause gemeinsam kochen können. Es macht mich aber noch trauriger für sie. Sie weiß, dass ihr Zustand nicht "normal" ist. Sie weiß, dass sie nicht gesund ist. Sie weiß/versteht aber nicht, dass das eine Krankheit ist. Der Wahn ist ihre Krankheit. Sie isoliert sich. Sie lässt nur mich an sich ran. Sie hebt bei Anrufen der anderen Verwandten nur selten ab.

 

Ich versuche da zu sein für sie, ich will ihr helfen. Ich will aber auch mein eigenes Leben führen und einmal ein ganzes Wochenende für mich haben. Ich möchte meine Freundinnen und Freunde treffen.

 

Ich bin nicht böse auf sie. Sie kann nichts für ihre Krankheit. Niemand sucht sich so etwas aus. Es ist schwer. Es fällt mir schwer, nicht daran zu denken. Aber ich darf meine Kräfte nicht nur für sie aufwenden und verbrauchen. Ich muss auf mich schauen, nur so kann ich ihr auch helfen. Ich muss und darf und soll meinen Akku nur für mich aufladen und dann darf ich meinen Akku auch nur für mich verbrauchen. 

 

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