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Stabil


„Ja, zurzeit ist sie recht stabil.“ Ein Satz, den ich schon hunderte Male in Bezug auf meine Mama verwendet habe. Stabil, was bedeutet das eigentlich? Laut Duden: „1a, sehr fest gefügt und dadurch Beanspruchungen aushaltend – 1b, in sich konstant bleibend, gleichbleibend, relativ unveränderlich – 2, so beständig, dass nicht leicht eine Störung, Gefährdung möglich ist; Veränderungen, Schwankungen kaum unterworfen – 3 widerstandsfähig; kräftig; nicht anfällig“ Aha. 1a, Beanspruchungen aushaltend – geht eigentlich so. Letztens hat sie zu weinen angefangen, weil der Drucker nicht funktioniert hat. Gut, hab ich aber auch schon einmal (Drucker sind Arschlöcher). 1b, in sich konstant bleibend – schon eher. Meistens ist sie eher zu konstant. Da gibt es keine sehr schlechten Tage, aber auch keine sehr guten Tage. Die meisten Tage sind halt einfach okay. „Wie geht es dir, Mama?“ „Es passt schon.“ 2, so beständig, dass nicht leicht eine Störung möglich ist – 

brauchen wir gar nicht lang zu diskutieren, weil es generell eher unpassend ist. 3, widerstandsfähig, kräftig – kräftig, das passt. Für mich ist meine Mama die kräftigste Person, die ich kenne. Das Leben hat ihr einen ziemlich schweren Rucksack verpasst. 14 Psychiatrieaufenthalte, Stigmatisierung, Frühpensionierung – und sie steht immer noch hier. Wenn das nicht kräftig ist, weiß ich es auch nicht. 

 

„Zurzeit ist sie recht stabil.“ Was bedeutet das für mich? Für mich bedeutet das: durchatmen,  Kraft sammeln. Zurzeit habe ich weder eine täglich weinende Mama daheim liegen, noch eine manische Mama herumtoben. Das bedeutet, ich komme heim und weiß grob, was mich erwartet. Das bedeutet, meine Mama ist in der Lage, mit einem Mittagessen und den Worten „Wie war es in der Schule?“ auf mich zu warten. Das bedeutet, ich kann auch mal Freunde zu mir einladen, ohne dass ich Angst habe, es könnte unangenehm werden. Das bedeutet, meine Mama ist zurzeit meine Mama. Ob das in einem Monat immer noch so ist, weiß ich nicht. Je länger die stabile Phase dauert, desto größer ist die Angst vor der Krise. Denn die kam dann doch immer wieder. Aber sie ging auch jedes Mal wieder vorbei. Und mit jeder Phase habe ich dazugelernt. Vor vier Jahren habe ich gelernt, dass es nicht mein Job ist, zu kontrollieren, ob sie ihre Medikamente nimmt. Vor drei Jahren hab ich damit aufgehört, meine manische Mama jeden Tag 25 Mal zu überreden, in die Klinik zu gehen. Einmal pro Tag reicht. Mehr Energie habe ich nicht. Vor zwei Jahren hab ich gelernt, nicht sofort nach einer Unterbringung in die Klinik zu fahren. Bringt niemandem etwas. Letztes Jahr hab ich gelernt, dass ich meiner Mama auch was zutrauen kann, dass ich auch mal einen Monat im Ausland sein kann und die Welt dreht sich einfach weiter. 

 

„Zurzeit ist sie recht stabil.“ Das ist ein Satz, den ich nicht ungern sage. Es ist kein Aussage wie: „Ja, ihr geht es zurzeit echt sehr gut!“ Aber es ist auch mehr als manch anderer glaubt. Gerade lerne ich: Wie ich mich fühle, wenn ich mich in die Lage meiner Mama versetze, hat nichts damit zu tun, wie sie sich gerade fühlt. Ich lerne, dass die Worte „Es passt schon“ manchmal wirklich bedeuten, dass es passt, und dass die Formulierung „Zurzeit bin ich recht stabil“ auch für sie mehr ist, als manch anderer glaubt.

 

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