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Gehen und bleiben


„Wenn du die Wahl hast zu bleiben, wenn es dir nicht gut tut, oder zu gehen, um dir selbst etwas Gutes zu tun, wofür würdest du dich entscheiden?“  Auf diese Frage würde ich wohl recht schnell sagen: „ICH GEHE!“ – Natürlich. Was sollte es denn bringen, irgendwo zu bleiben – wenn das schlechte Folgen für mich hätte? Warum ist es dann nicht selbstverständlich, auch mal die Füße in die Hand zu nehmen und wegzugehen, Abstand zu bekommen? Weil es auch um die Frage geht: „Was lasse ich zurück, wenn ich gehe?“ 

 

Ich bin gerade dabei, von zu Hause auszuziehen. Nachdem ich immer wieder darüber nachgedacht habe und davon gesprochen habe. Für mein Empfinden hat es lange gedauert, wirklich so weit zu sein auszuziehen und ich finde es war eine schwere Entscheidung. Für wohl jeden jungen Menschen ist das Ausziehen ein großer Schritt. Wohl die meisten werden auch länger darüber nachdenken. Und viele werden von Eltern wegziehen, die das eigene Kind nur schweren Herzens ziehen lassen. Das ist der Lauf der Zeit. Das gehört dazu zum Erwachsenwerden. Der Unterschied könnte aber der sein, das Gefühl zu haben, nicht sicher zu sein, ob es den Eltern alleine zu Hause gut geht. Nicht sicher zu sein, ob Mama das psychisch schafft. Nicht sicher zu sein, wie es Papa geht, wenn er noch mehr mit ihr alleine ist und keiner mehr im Haus ist, mit dem er „ein vernünftiges Gespräch“ führen kann. Ich bewundere ihn so sehr. Er hat sich vor über 20 Jahren entschieden zu bleiben. Und ist auch tatsächlich geblieben. Ich sehe auch, dass dieses Bleiben ihm oft schon viel gekostet hat. Aber es war sein Weg, seine Entscheidung. 

 

So sehr ich sein Bleiben bewundere und dankbar dafür bin, kann ich als Tochter nicht diesen Weg des Bleibens wählen. Es wäre nicht das, was mich im Moment weiterbringen würde und es würde nicht nur mir, sondern auch der Beziehung zu meiner Mama nicht guttun. Ich habe schon bald herausgefunden, dass es mir hilft zu gehen. In die Schule zu gehen, zu Freunden zu gehen, fort zu gehen. Woanders zu schlafen, den Tag woanders zu verbringen. Ich weiß, das ist ein Privileg, das mir mein Papa ermöglichte, weil er sich dafür eingesetzt hat, dass ich meine Kindheit und Jugend haben soll. Weil er geblieben ist. Ich werde ihm das in dieser Form nicht zurückgeben können. Aber ich kann die Chancen nutzen, die er mir gibt, wenn er sagt: „Du bist nicht verantwortlich für deine Mama, du bist es ihr und mir nicht schuldig!“ (Buchtipp an dieser Stelle von einer ganz lieben Person, die auch in unserer Peer-Gruppe ist: „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ von Barbara Bleisch). Und ich werde diese Chance nutzen, indem ich gehe und ausziehe und mein eigenes Leben lebe. Das muss ja nicht heißen, dass ich keinen Kontakt mehr haben möchte und ich mich nicht mehr interessiere oder ich nicht mehr helfen will. Es heißt, ich kann kommen. Ich kann da sein, aber ich kann auch wieder gehen und damit auf mich selbst achtgeben und dafür sorgen, dass es mir gut geht. Und es wird mir gut gehen. Ich habe gelernt: Wenn es mir selbst gut geht, dann kann ich mich auch um andere sorgen und etwas geben – in einer Weise, die dabei nicht meine Energie raubt und mich belastet, sondern so, dass auch ich davon profitiere, weil ich es dann freiwillig und gerne tu.  

 

PS: Zum Privileg, meine Kindheit und Jugend so gut wie möglich als solche leben zu dürfen: Es sollte kein Privileg sein. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es sollte nicht damit stehen und fallen, dass mein Papa geblieben ist. Es hätte auch nicht sein sollen, dass er das alles alleine zusätzlich zu einem 40-Stunden-Job und anderen Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt, stemmen musste. 

 

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