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Gesehen werden


Ein Moment in meiner Ausbildung, der mir den Spiegel vors Gesicht hielt und in dem ich entschieden habe, warum es wichtig ist, auf uns Kinder mit psychisch erkrankten Eltern aufmerksam zu machen: 

 

Ich bin ungefähr 20 Jahre alt und mitten in der Ausbildung für einen Sozialberuf. In diesem Semester liegt der Schwerpunkt auf gesundheitlichen Themen – darunter auch sehr präsent: psychische Gesundheit. Wir setzen uns mit unterschiedlichen Krankheitsbildern, Behandlungen und anderen Angeboten wie dem Psychosozialen Dienst auseinander, bei dem Betroffene Unterstützung aller Art finden können. Wir setzen uns aber auch mit dem Umfeld erkrankter Personen auseinander: dem Leben der Angehörigen. Heute schauen wir einen Film, in dem es um die Kinder erkrankter Personen gehen soll. Als dies unsere Lehrende ankündigt, muss ich schlucken: Ich finde es unglaublich wichtig, sich in meinem Beruf damit auseinanderzusetzen, und hätte auch meinen Kolleg:innen einiges zu sagen, gleichzeitig könnte es für mich heute aber auch wirklich hart werden. „Pass auf dich auf!“, denk ich mir – und der Film startet.

 

Es geht um ein Projekt, in dem mit den Kindern gemeinsam ein Song produziert wird. Die Kinder und Jugendlichen erzählen zwischendurch immer wieder von ihren Geschichten und was sie im Projekt gelernt haben. Es ist für mich überwältigend zu sehen, wie gestärkt vor allem die jüngeren Kinder in der Gruppe wirken. Wie gut sie in ihren eigenen Worten erklären können, was da los ist. Ich sehe aber auch ältere Jugendliche, die schon unglaublich viel leisten mussten und die sich dieses Ankommen in einem Projekt, in dem sie gesehen und durch das produzierte Lied gehört werden, schon viel früher gewünscht hätten. 

 

Gesehen und gehört werden. Es trifft mich tief. Die Tränen, die schon länger in meinen Augen stehen, suchen ihren Weg. Mein Fass geht über. Ich brauche eine Pause. Ich verlasse den Unterrichtsraum. Eine gute Freundin kommt nach und umarmt mich. Und ich weine einfach nur. Ich habe das Gefühl, ich kann gar nicht mehr aufhören. Alles muss jetzt raus. Im ersten Moment kann ich gar nicht formulieren, was es war, was mich so überwältigt hat. 

 

Die Geschichten der Kinder und Jugendlichen? Wie stark sie sind und wie viel sie geschafft haben? Dass es mir unglaublich leid tut, dass sie so stark sein mussten? Ihre Geschichten, die mich an meine erinnern? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Aber vor allem auch –  und das fühlt sich sehr egoistisch an: Neid und Wut. Zu sehen, wie stärkend dieses Projekt für die Kinder ist, wirft in mir die Fragen auf: „Warum durfte ich das nicht erleben? Warum habe ich immer gedacht, ich bin das einzige Kind mit einem psychisch erkrankten Elternteil? Warum hat mir, auch wenn meine Familie getan hat, was sie konnte, kein Profi erklärt, was da bei meiner Mama abging und dass das alles nicht meine Schuld ist?“

 

Ich bin wütend auf die Welt und das Leben. Meine Mama war medizinisch immer begleitet und versorgt. Aber keine Ärzt:innen oder Therapeut:innen haben darauf verwiesen, dass es auch Angebote für mich und meinen Papa gibt. Vielleicht weil diese Angebote noch nicht bei meinem Heimatort angekommen waren, vielleicht weil die Profis nichts davon wussten. Vielleicht weil sie aber auch nicht daran dachten, dass wir Angehörige etwas brauchen könnten. 

 

Es war so schön und berührend zu sehen, was das Projekt aus dem Film für die Kinder und Jugendlichen bedeutete, und gleichzeitig sind es die verpassten Möglichkeiten für mein früheres Ich, denen ich nachtrauere. Langsam gehen mir die Tränen aus. Auch wenn es gut ist, dass alles rauskommt und ich mich durchs Weinen befreien konnte – in diesem Selbstmitleid will ich nicht hängen bleiben. 

 

Inzwischen ist auch meine Lehrende bei mir und wir haben ein gutes Gespräch. Sie geht sicher, dass ich nicht allein bin. Und: Sie sieht mich. Es ist dieses Gesehen, Wahrgenommen werden, was unglaublich guttut. Das möchte ich gerne weitergeben. Heute noch an meine Kolleg:innen, damit sie noch einmal persönlich hören, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche psychisch erkrankter Eltern nicht auszuklammern, sondern zu sehen und ernst zu nehmen. 

 

Heute ahne ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später ein Projekt finde, dass sogar den Namen des Gesehenwerdens trägt – #visible – und dass dieser heutige Tag noch einer meiner Antreiber sein wird, um meine Geschichte zu erzählen, um zum einen zu zeigen: Keiner von uns ist allein. Zum anderen aber auch, um an die Erwachsenen und die Profis zu appellieren: SEHT HIN. 

 

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