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Hilfe, ich brauche eine Diagnose – mein Weg zur Selbsthilfe


Als mir meine Mama sagte, dass mein Papa mit Aliens redete, konnte ich das zuerst ganz und gar nicht einordnen. Ich dachte einfach, sie macht einen Scherz.  

Als ich dann Zeugin wurde, dass mein Papa mit Aliens redete, verstand ich es noch weniger.

 

Wir verwenden Tag für Tag Google oder andere Suchmaschinen. Aber wie sucht man etwas, das man nicht benennen kann?  

„Papa dreht durch?“ 

„Aliens?“ 

„Hilfe!!!“ 

Mein erster Versuch, im Internet Hilfe zu finden, blieb erfolglos.  

 

Trotzdem spukte es ab diesem Zeitpunkt jeden Tag in meinem Kopf. Und jede Nacht hatte ich Albträume. Meine kleine heile Familien-Welt war auf einmal zerstört. Und ich konnte rein gar nichts tun, um das zu ändern. Viel schlimmer noch: Ich konnte ja nicht mal benennen, was eigentlich los war! 

 

Eines Tages, ich war gerade im Bus am Weg zur Arbeit, bemerkte ich ein Plakat zum Thema „Selbsthilfegruppen“.  

Selbsthilfegruppen? Das ist doch etwas für Alkoholiker:innen, oder?  

Auf der Reklame stand etwas vom Tag der Selbsthilfegruppen, also musste es mehrere geben! Wieso gäbe es sonst extra einen Tag dafür? Kaum zu Hause recherchierte ich und fand heraus, dass es allein in Wien über 180 Gruppen gab! Zu allen möglichen Themen.  

 

Gut, aber wie sollte mir das helfen? Ich las mir das Register von A-Z durch und schrieb mir alle möglichen Begriffe heraus, die Ärzt:innen in Bezug auf meinen Vater zwischenzeitlich genannt hatten: Burnout. Paranoid. Schizophren. Manisch-depressiv. Bipolar. 

 

Ich fand heraus, dass es zu all den Schlagwörtern Gruppen und Anlaufstellen gab, aber ich wusste, ich würde meinen Vater nie dazu bringen, dort hinzugehen. Zumal wir nicht genau sagen konnten, was er hatte. 

 

Auf einmal stieß ich auf die Einrichtung HPE – hier ging es um Hilfe für die Angehörigen. Angehörige? Das bin ich! Juchu, jemand kümmert sich um mich. Sofort nahm ich Kontakt auf, ließ mich beraten, las mehr über die Thematik und lernte später auch Gleichgesinnte kennen.  

 

„Hallo mein Name ist… und mein Vater ist erkrankt.“ 

Der typische Vorstellungssatz. Nur hier ist es nicht wichtig, das Thema zu benennen. Hier geht es darum, auch gehört zu werden. Aus der Perspektive des Kindes. Und reden kann so heilsam sein. Von da an ging ich regelmäßig zu den Treffen. Mal plauderte ich, mal saß ich einfach nur da und hörte zu. Manchmal musste ich weinen, manchmal weinten wir gemeinsam. Aber immer wusste ich, dass ich auch einen Platz in dieser Familie habe, auch wenn ich selbst nicht krank bin. Und ich lernte vor allem, dass ich meinem Papa nur dann helfen kann, wenn ich mir selbst Hilfe suche. So begann ich begleitend zur Gruppe auch zu einer Therapeutin zu gehen.  

 

Klar gibt es Höhen und Tiefen: in meiner Familie, in meinem Leben. Aber ich weiß nun, dass ich den Weg nicht alleine gehen muss. Nur weil „es“ keinen Namen hat, heißt es nicht, dass man darüber nicht reden kann.  

 

PS Ich sage nicht, dass Selbsthilfegruppen für jeden das passende Mittel sind. Aber bloß es zu versuchen, hat mir gezeigt, dass ich doch mehr in der Hand habe, als ich dachte. Nämlich mein eigenes Leben.  

 

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