· 

Armut muss dir nicht peinlich sein


Ich weiß nicht mehr so genau, wie die Zeit zu Weihnachten war, nachdem zu Hause alles so unglaublich "ver-rückt" geworden war, aber vielleicht sagt genau das schon alles aus, was es darüber zu wissen gibt. Es war wohl eine Zeit, an die ich mich nicht unbedingt erinnern möchte. Nachdem "die Mutter der Familie", meine Urgroßmutter, gestorben war als ich 13 war, hatte ich die Rolle der Erwachsenen einnehmen müssen. Weder meine Oma noch meine Mutter, also die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, waren dazu in der Lage. Vor allem meine Mutter war durch ihre Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis in erster Linie mit sich selbst und ihren Stimmen beschäftigt. Nachdem einmal am Monatsende nicht mehr als Essiggurken und Knäckebrot zum Abendessen da waren, übernahm ich mit 14 schließlich die Einteilung der Finanzen.

 

Zur Verfügung standen die Mindestpension meiner Großmutter und die Frühpension meiner Mama. Damit mussten wir zu dritt über die Runden kommen. 

Ich erinnere mich noch an ein Schulprojekt, bei dem ich zehn Euro verdient hatte, ich war grade 15. Am Weg nach Hause haderte ich mit mir. Schließlich legten auch meine Mutter und Großmutter alles, was sie hatten, zusammen, damit wir über die Runden kamen. Sollte ich nun auch meine zehn Euro in den Topf werfen? Aus schlechtem Gewissen entschied ich mich dafür, die zehn Euro nicht zu behalten und in die Familienkasse zu geben.

 

Damit man mit so wenig Geld leben kann, braucht man einen strikten Plan, dachte ich und teilte für Haushaltseinkäufe ein Tagesbudget von sieben Euro ein. Einige Zeit später waren es dann sogar zehn Euro am Tag und hundert Euro Taschengeld pro Monat für jede Person. Das Taschengeld meiner Großmutter war immer schnell für ihre Palmers-Strumpfhosen ausgegeben.

Mit diesem Fahrplan schaffte ich es, in nur wenigen Jahren mehrere tausend Euro auf dem Familienkonto anzusparen. Ein notwendiger Puffer, falls einmal etwas passieren sollte, dachte ich mir. Umso größer war mein Ärger, als ich nach den zwei Sommerurlaubsmonaten bei meinem Vater wieder nach Hause kam und meine Oma ohne Rücksprache mit mir eine Kaffeemaschine um 500 Euro gekauft hatte. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unglaublich wütend ich auf sie war. All die Streitgespräche mit ihr, in denen sie mir vorgeworfen hatte: "Du gönnst mir ja nix, nix darf ich mir kaufen!" – ganz umsonst. Und überhaupt, wer kauft sich eine Kaffeemaschine um 500 Euro?

 

Obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, glaube ich nicht, dass wir uns etwas zu Weihnachten schenkten. Ich glaube nicht, dass es mir damals ein Anliegen war, Menschen zu beschenken, die mir das Leben so schwer machten. Ich glaube aber auch, dass sie einfach vergaßen, mir Geschenke zu machen und Geld war ja sowieso nicht viel da. Und ich glaube auch, dass ich zu Weihnachten daran erinnert wurde, wie sehr mein Leben doch anders war als das meiner Freund:innen.

 

Social Media

2021/2022 gefördert durch



Ein Projekt von