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Die Sache mit den eigenen Grenzen


„Hier ist meine Grenze erreicht - ich kann nicht mehr“, „ich schaffe das so nicht mehr“, „ich brauche Hilfe“ - Sätze, die ich meine gesamte Kindheit und Jugend kein einziges Mal gesagt habe. Trotz teilweise sehr überfordernden Umständen. Warum, fragst du dich? Das frage ich mich als mittlerweile Erwachsene auch oft.

 

Warum fiel es mir, in Situationen, die von außen betrachtet zu viel für einen Jugendlichen sind, so schwer zu bemerken, dass das, was gerade passiert, eigentlich Grenzen überschreitet? Dass es Grenzen überschreitet, in der Schule mitzuhalten, sich ums Essen zu kümmern, Wäsche zu machen und gleichzeitig die eigene Mama täglich mehrmals zu überreden, bitte, bitte endlich in die Psychiatrie zu gehen. Weil sie nicht mehr sie ist.  Weil sie nicht mehr schläft, mich nachts mit lauter Musik wachhält und mitten auf der Straße zu tanzen anfängt. „Ich schaffe das so nicht mehr“, ein Satz, der in dieser Situation mehr als angemessen gewesen wäre.

 

Wenn du genau liest, siehst du, dass ich oben schreibe „warum fiel es mir so schwer, zu bemerken, dass das Grenzen überschreitet“ - und ich glaube das ist der springende Punkt. Ich hätte mich eventuell sogar getraut zu äußern, dass es für mich so wirklich nicht mehr geht. Ich habe es bloß einfach gar nicht gemerkt. Ich habe es nicht gemerkt, weil ich überhaupt nie lernen konnte, wo meine Grenzen überhaupt liegen. Seit ich sechs bin, ist meine Mama oft in Ausnahmezuständen. Mal manisch, mal depressiv. Dann gibt es auf einmal ganz viele Aufgaben und Verantwortung, die ich übernehme. Schon immer. So ist das nun mal. Das kann halt leider niemand ändern. Meiner Mama helfen und mich um diese Aufgaben kümmern, kann halt leider nur ich. Gefestigte Glaubenssätze.

 

Wann ich denn überhaupt bemerkt habe, dass meine persönlichen Grenzen wirklich überschritten waren? Auch eine Frage, die ich mir oft stelle. Schleichend, ist wohl die passendste Antwort. Da kam der Auszug mit achtzehn. Abstand - emotional und geographisch. Ein Zuhause in dem nicht jährlich Ausnahmezustand herrscht, unvorstellbar. Da vergeht das erste Jahr und man lebt sich ein, fühlt das Großstadtleben, lernt Herzensmenschen kennen, studiert. Da vergeht das zweite Jahr und man verliebt sich, tanzt nächtelang und nennt Wien auf einmal „Zuhause“. Und dann irgendwann zwischen all diesen Momenten blickt man zurück auf seine Jugend und erschrickt. Was ist da denn eigentlich wirklich passiert? Wie habe ich das alles überhaupt ansatzweise geschafft? Da vergeht das dritte Jahr und die erste Beziehung scheitert. Und dann schaut man nochmal zurück auf die Jugend und erschrickt noch mehr. Was hat das alles eigentlich mit mir gemacht? Weiß ich überhaupt selbst, wo meine persönlichen Grenzen liegen? Da vergeht das vierte Jahr und auf einmal sind die Szenen der Jugend präsenter als je zuvor. Bildlich war ich der Hamster, der jahrelang im Hamsterrad lief, einfach weiter machen, einfach weiter rennen. Und jetzt stehe ich neben dem Hamsterrad, starre es an und merke, das war viel. Zu viel. Und dann irgendwann denkt man, vielleicht wäre eine Therapie ja doch nicht so schlecht.

 

Wie froh ich bin, diese Entscheidung damals getroffen zu haben. Mir endlich einzugestehen, ich muss mit all den Gedanken und Gefühlen nicht alleine klarkommen. Noch immer lerne ich, wo meine Grenzen liegen. Wie ich damit umgehe, wenn meine Mama wieder einmal mit Geistern spricht und ich mich dazu zwinge, nicht direkt in den ersten Zug zu springen. Darauf bin ich stolz. Diese Muster zu brechen war harte Arbeit. Einfach ist das ganz und gar nicht. Es hat trotz allem aber nichts damit zu tun, wie sehr ich meine Mama liebe. Alle Liebe dieser Welt bringt nichts, wenn ich dadurch meine eigenen Grenzen ignoriere und kaputt gehe.

 

Tja, die Sache mit den eigenen Grenzen begleitet einen wahrscheinlich ein Leben lang - egal wie und wo man aufgewachsen ist. Am meisten würde ich mir wünschen, dass wir alle auf unsere aber auch auf die Grenzen unserer Mitmenschen feinfühliger achten können. Wenn ich heute an meine Jugend denke, trifft mich am meisten, dass ich ja gar nicht alleine in dem Hamsterkäfig war. Dass das Umfeld irgendwo erkennen hätte können, dass ich seit Jahren renne. Und auch wenn ich gewirkt habe als „würde es eh passen“ und ein Lächeln aufgesetzt habe - niemand kann jahrelang durchrennen. Hätte jemand wirklich genau hingeschaut, wäre das auch aufgefallen. Vielleicht kann ein „Das klingt alles nach sehr viel. Bei mir wäre in deiner Situation eine Grenze überschritten, wie geht es dir damit? Kann man dir nicht irgendwas abnehmen?“ oft viel mehr bewirken als man eigentlich denkt. Jeder sollte die Chance haben, seine Grenzen zu kennen und dafür einzustehen, auch Kinder und Jugendliche psychisch erkrankter Eltern.

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